Danke für deine Stimme

Liebes Saarland und Rest vonne Welt,

heute geht es hier mal etwas politisch zu. Ja, soll auch mal vorkommen. Das ist der Vorteil des eigenen Blogs, dass man auch mal was verfassen darf, was nicht so wirklich zum eigentlichen Blogthema passt.

Auch dem unpolitischsten Menschen dürfte inzwischen aufgefallen sein, dass am Sonntag Bundestagswahl ist. Ich persönlich würde sehr gerne daran teilnehmen, nun ist es aber leider halt so, dass ich zwar durchaus in diesem wunderbaren Land leben, studieren, unterrichten, arbeiten und Steuern zahlen darf, es aber die kleine Zeile „Staatsangehörigkeit“ auf meinem Pass unterbindet, dass ich mich an der Bundestagswahl beteilige.

Klingt doof, ist doof.

Was ich nämlich hier in meiner Wahlheimat nicht darf, ist für mich in meiner Geburtsheimat sogar Pflicht. Auch nach 20 Jahren „Exil“ noch.

Klingt ebenso doof, ist ebenso doof.

So sehr ich eine generelle Wahlpflicht auch begrüße (ja, manchmal muss man die Leute zu ihrem Glück zwingen), empfinde ich es dennoch als völligen Quatsch, in einem Land wählen zu müssen, in dem man zufälligerweise geboren wurde, dort inzwischen aber den kürzeren Abschnitt seines Lebens verbracht hat, dafür aber in dem Land, in dem man mit Haus, Kind & Hof heimisch geworden ist und die längste Zeit seines Lebens verbringen wird von der Wahl ausgeschlossen ist.

Aber nun gut, so ist das nunmal mit diesen Staatsbürgerschaften und den künstlich festgelegten Grenzen und Hoheitsgebieten. Da könnt ja wem wat weggenommen werden, ne.

Deswegen kommt aber nun ihr nun ins Spiel. Wenn ich mich schon nicht beteiligen darf, tut mir bitte den Gefallen und lasst eure Stimme nicht verfallen.

Ich kann zwar absolut nachvollziehen, dass der ein oder andere von den etablierten Parteien enttäuscht sein mag, mit Politik generell nix am Hut hat oder aber das Gefühl hat, eh nix bewirken zu können, aber hey, es gibt so unfassbar viele alternativ Parteien, da wird sich schon was finden lassen, was sich wählen lässt.

Und damit meine ich echte Alternativen und nicht die Alternative für Deutschland, die keine ist. Denn mit Verlaub diese Partei ist nicht wählbar.

Ein 76seitiges Wahlprogramm, das auf mehr als 50 Seiten klingt, als wäre es 1483 in einer oberbayrischen Schenke von dicken, alten, weißen Männern nach zu viel Selbstgebrautem verfasst worden, darf in einem aufgeklärten, freien, gebildeten 21. Jahrhundert einfach nicht als wählbar gelten, egal wie sehr alle anderen versagt oder nicht versagt haben. Am Ende der 76 Seiten hatte ich tatsächlich das Verlangen, nochmal vorne angefangen, nur um sicherzugehen, dass ich nicht doch einen Paragraphen im Kleingedruckten, übersehen habe, dass Frauen, Alleinerziehenden oder gar Schwulen und Lesben und allem, was für diese Herrschaften sonst noch so unter bäh wuäh fällt das Wahlrecht wieder aberkannt wird.

Gleichberechtigung, na gut, wenn es denn unbedingt sein muss, aber Gleichstellung??? Nein, das geht nun wirklich nicht.

Unterstützung für Alleinerziehende, die den Partner aus welchen Gründen auch immer vor die Tür gesetzt haben? Na wo kommen wir denn da hin. Ist doch egal, ob der Alte dich und die Kinder regelmäßig gegen die Wand klatscht. Bleib gefälligst bei ihm und füge dich ins klassische Familienbild, wenn du nicht am Hungertuch nagen willst!

Ach, und dann wäre da ja auch noch die Sache mit dem Deutschland den Deutschen. Man möge mir verzeihen, dass ich an dieser Stelle mit einem Geschichtsbuch um mich schlagen möchte. Ein „deutsches Volk“ existiert nämlich historisch gesehen gar nicht. Erzähl mal 500 n.Chr. einem Sachsen, dass er zum gleichen Volk wie „der Franke“ oder „der Baier“ gehört. So schnell kannst du gar nicht schauen, wie da zappeduster ist. Von noch früherer Ethnogenese möchte ich gar nicht erst anfangen…

Was ich damit sagen möchte:

Braun steht nur Schokokuchen gut!

Nicht jeder, der die AfD in Betracht zieht ist automatisch ein Nazi. Das ist mir durchaus bewusst. Nur ist es halt so, dass diese Partei Rechtspopulisten und Nazis in den eigenen Reihen offen zulässt, unterstützt und ihnen zu einem breiten Sprachrohr verhilft.

Und somit unterstützt jeder, der die AfD wählt, automatisch auch das rechteste braune Gesocks dieser Partei. Und das, mit Verlaub, geht gar nicht! Sollte es diesbezüglich Fragen ob des weshalbs geben, packe ich gerne zur Anregung des Denkvermögens nochmal das Geschichtsbuch aus.

Es.geht.einfach.nicht!

Und das sage ich nicht, weil auf meinem Pass zufällig etwas anderes in der Spalte steht, wo nach AfD Meinung ausschließlich „Deutsch“ zu stehen und zu gelten hat. Nein, das sage ich, weil ich völlig ungeachtet jeglicher Staatsangehörigkeit, Religion und Kultur an humanistische Werte, das Grundgesetz und das Gleichheitsgebot glaube, drei Dinge, die mit dieser Partei nicht einhergehen, auch wenn sie noch so laut polarisiert und schreit.

Aber gut, ich halte es mit lauten Geschrei in der Politik eh genauso wie in der Schule und bei Großschadensereignisses: die, die am lautesten schreien, sind in der Regel nicht die, die am dringendsten Aufmerksamkeit und Unterstützung benötigen. Die die still in der Ecke sitzen und nichts von sich geben, das sind die, um die man sich kümmern muss, wenn man Katastrophen verhindern möchte.

Bevor ihr euer Kreuzchen also aus Protest gegen die Etablierten dem lautesten Platzhirsch gebt, schaut bitte erst mal noch nach den Parteien, die die Sau nicht mit dem Megaphon durchs Dorf treiben.

Denn ich bleibe dabei: Braun steht nur Schokokuchen gut und zurück ins erzkonservative Mittelalter muss unsere Gesellschaft definitiv nicht. Da waren wir schon, war nicht schön.

Insofern, bevor ihr aus Protest das Kreuz bei der AfD setzt, wählt von mir aus die Bibeltreuen Christen, wählt die V-Parteil (für die, die es nicht wissen: Partei für Veränderung, Vegetarier und Veganer) oder auch das Bündnis Grundeinkommen, völlig wurscht, nur wählt und unterstützt aus Protest keine Partei, die rechtes Gesocks unterstützt. Es könnte nämlich passieren, dass sonst plötzlich mehr Braunes über dieses Land schwappt, als uns allen lieb sein mag. Denn nur als kleiner Denkanstoß: braunes, was von unter Tage hochschwappt ist in der Regel kein Schokoladenbrunnen…. Ich danke euch von Herzen.

Bye

Nadine

P.S.: nein, die Farbe des Kärtchens ist kein subtiler politischer Hinweis. Auch die FDP würde mein Kreuzchen nicht bekommen, wenn mir eins zustünde. Denn so maßgeschneidert kann der Anzug von Herrn Lindner gar nicht sitzen, dass er einen Wahlkampfparolenschwachfug wie  „Digital first, Bedenken Second“ wett machen könnte.

P.P.S.: um den Einfluss der AfD letztlich aber wirklich so gering wie möglich zu halten, brauchen die sicher im Bundestag vertretenen Parteien eure Stimme. Denn alle Stimmen für Parteien, die unter der 5% Prozent Grenze bleiben, fallen am Ende unter den Tisch und spielen bei der Verteilung der Sitze schlicht keine Rolle mehr. Just saying…

7 comments

  1. 1
    Kristin says:

    Danke für den Post Nadine. Einen Standpunkt zu haben und ihn auch zu vertreten und begründen finde ich immer gut. (Wobei das nicht heisst, dass ich immer die Meinung meiner Mitmenschen gut finden und/ oder teilen muss.)
    Egal, welches Hobby wir haben – wir leben nun mal in einem Kontext miteinander und nicht in unserem persönlichen Vakuum und niemand kann ohne Meinung sein, selbst rumjammern wäre eine Meinung.
    Wir dürfen (und das ist für Frauen noch gar nicht lange selbstverständlich), also lasst mal die Bastelsachen stehen und macht einen Spaziergang am Sonntag zum Wahlbüro und gebt Eure Stimme ab, wenn ihr am Sonntag Bürger mit Wahlberechtigung seid.

  2. 2
    Monika Müller says:

    Hallo Nadine,
    danke für diesen zeitaktuellen Beitrag. Du hast es absolut super auf den Punkt gebracht. Ich kann deinem Artikel nur zustimmen.
    Nebenbei interessiert mich ja jetzt schon, welche Staatsangehörigkeit die deine ist.
    Lieben Gruß
    Monika aus Hamburg

    • 2.1
      Nadine says:

      Liebe Monika, vielen Dank für den Zuspruch. Ich bin gebürtig aus Luxemburg und habe auch immer noch die Staatsangehörigkeit, auch wenn ich bald 20 Jahre in Deutschland bin.
      Liebe Grüße
      Nadine

  3. 3
    Katharina says:

    Hallo Nadine,
    Wieso beantragst du nicht die dt Staatsbürgerschaft, wenn du Stimmrecht in dem Land haben willst, in dem du lebst?

    Ansonsten: toller Artikel – spricht mir aus der Seele.

    Gruß Katharina

    • 3.1
      Nadine says:

      Liebe Katharina,

      deine Frage ist durchaus berechtigt, wie ich finde aber primär auf rationaler und weniger auf emotionaler Ebene. Um das zu erklären, muss ich jetzt aber sehr viel weiter ausholen.

      Ich bin Luxemburgerin. Ich bin dort geboren, ich bin dort aufgewachsen, es ist die Sprache, in der ich reden und denken gelernt habe und es ist nach 20 Jahren Lebensmittelpunkt in Deutschland der einzig verbleibende offizielle gemeinsame Nenner zu meiner Familie, meinen Wurzeln, meinen Kindheits- und Jugenderinnerungen und dem Land, das mich maßgeblich in meinem Denken und Handeln geprägt hat.

      Nach Deutschland bin ich seinerzeit gekommen zum Studieren und erst mal nicht mit der Absicht, zu bleiben. Das hat sich so ergeben. Missen würde ich es aber nicht wollen. In Deutschland habe ich studiert, gearbeitet, sowohl ehrenamtlich als auch festangestellt, mich selbständig gemacht, geheiratet, eine Familie gegründet und meinen Lebensmittelpunkt gefunden. Nichtsdestotrotz habe ich die prägenden Kindheitsjahre nicht in Deutschland sondern in Luxemburg verbracht, was mich im Herzen an erster Stelle auch nach 20 Jahren noch Luxemburgerin sein lässt, auch wenn ich mich in Deutschland noch so heimisch fühle.

      Ich mache es mal an einem Beispiel fest: Spielt bei der WM Deutschland gegen wen auch immer, jubel ich für Deutschland. Da gibt es gar keine Frage. Das ist mein Land. Das ist meine Mannschaft. Für mein Empfinden sind auch „wir“ Weltmeister geworden. „Wir“ hatten die tollste Fanmeile, „wir“ die sympathischsten Spieler etc.

      Spielt aber Deutschland gegen Luxemburg, ist es es mir instinktiv, tiefenpsychologisch oder wie man es auch immer nennen mag schlicht nicht möglich, wenigstens nur unparteiisch zu sein. Und das obwohl ich keine zwei Spieler der luxemburgischen Mannschaft namentlich benennen könnte, es sei denn sie sind entfernte Verwandte, was bei ca. 300.000 verbleibenden Luxemburgern weltweit nicht so unwahrscheinlich ist.

      Sicherlich wäre das Gefühl ein anderes, wenn ich bereits als kleines Kind nach Deutschland gekommen wäre, aber ich bin es nunmal erst als Erwachsene. Diese Wurzeln und Prägungen werde ich in diesem Leben nicht los, egal wie viel deutsche Prägungen im Laufe der Zeit noch hinzukommen. Und deswegen ist es für mich einfach nicht richtig, die eine Nationalität aufgeben zu müssen, um die andere zu erlangen.

      In meinem Fall wäre das einzig richtige die doppelte Staatsbürgerschaft. Da mir dies in Deutschland aber per Gesetzeslage nicht möglich ist, bin ich gezwungen, mich für eine der beiden zu entscheiden und da halte ich es wie mit so vielem: Schuster bleib bei deinen Leisten.

      Nichtsdestotrotz macht mich diese (gezwungene) Entscheidung nicht zu einen unmündigeren Bürger Deutschlands. Ich habe das Recht, hier zu leben, zu studieren, in meinem Falle Lehramt, dann auch in dem Beruf zu arbeiten, sprich Kinder und Jugendliche bis zum Abitur (und darüber hinaus) zu unterrichten.

      Anders gesagt ist es also beruflich gesehen meine einzige Aufgabe, diese Kinder zu differenzierten und mündigen Erwachsenen auszubilden, damit sie später in der Lage sind, die Folgen ihres Handelns zu verstehen und ihre Entscheidungen entsprechend selbst zu treffen.

      Da mutet es mir also geradezu grotesk an, dass mir zwar ohne Weiteres dieses (in meinen Augen wesentlich weitreichenderes) Recht zugestanden, zeitgleich aber die Beteiligung an bundesweiten Wahlen verwehrt wird.

      Aber so ist es nunmal, ich bin nicht diejenige, die daran etwas ändern kann. Nicht alle politischen Entscheidungen sind in sich schlüssig. Ich bleibe aber optimistisch und nutze in der Zwischenzeit meine Stimme halt eben so, wie ich sie nutzen kann: auf dem Blog, in den sozialen Netzwerken und im direkten Kontakt.

      Wer weiß, je nachdem, wie die Wahl heute Abend ausgeht, ist man vielleicht auch schneller bereit, die Türen für tendenziell nicht AfD-Wähler zu öffnen. Mein Antrag auf doppelte Staatsbürgerschaft wäre auf jeden Fall einer der ersten.

      Viele Grüße
      Nadine

      • Katharina says:

        Vielen Dank für deine ehrlichen Worte, liebe Nadine.
        Die auch sehr wohl nachzuvollziehen sind.
        Doch wird es wohl bleiben, daß man, so man sich für das Leben in einem anderen land entschieden hat, mit den dortigen Gesetzen und `Gepflogenheiten` klar kommen muß. Das gilt nicht nur für das Leben in Deutschland.
        Deine innerliche Zerissenheit kann ich wohl (gefühlsmäßig) nicht nachvollziehen, sehr wohl aber verstehen.
        Dennoch finde ich toll, daß du dennoch deinen Standpunkt so öffentlich vertrittst.
        Vielen Dank für diese Courage!

        Ich hab bis gestern Abend gehofft, daß die „Schwarzseher“ im Unrecht sind und der ein oder andere in der Wahlkabine sein Kreuz in letzter Sekunde nicht neben die AfD setzt.

        Wir können echt von Glück reden, daß uns das große Erwachen wie in Amerika verschont blieb. Auch da wollte man nicht wirklich, daß Trump an die Macht kommt. „Was macht denn schon meine Proteststimme?“ – wenn so Millonen denken, kommt eben solch Mist bei heraus!

        Es gibt tatsächlich kleine Orte, wo noch jeder jeden kennt, da hat die AfD das Zweitbeste Ergebnis eingfahren. Und das mit sehr geringem Abstand.

        Dir, liebe Nadine, alles Gute!
        Liebe Grüße Katharina

  4. 4
    Kerstin W. says:

    Liebe Nadine,
    klasse Artikel!!! Super, dass Du – mal wieder – aus dem Herzen sprichst und in Deinen Worten auf die wichtigsten politischen Punkte hinweist. Wählen ist für mich nicht nur ein Recht, sondern auch eine Pflicht. Wenn wir nicht wählen gehen, zeigt uns die Geschichte, was passiert. Und zweitens sind die, die am lautesten schreien, gerne mal im Unrech. Ihnen sind nämlich die sachlichen Argumente ausgegangen. Und mir fällt es auch sehr schwer sachliche Argumente für Diskriminierung und irratiobalen Hass zu finden.
    Nadine, Du bist ein Schatz!!!

    Viele Grüße
    Kerstin W.

Ich freue mich über eure Kommentare.