Heute schon freundlich gewesen?

Liebes Saarland und Rest vonne Welt, 

es gibt so Tage, da schämt man sich, der Spezies Mensch anzugehören. 

Im Hause T. hat leider nach wie vor die Rüsselpest alles im Griff und so hält sich die Lust, Töpfe und Pfannen zu schwingen eher in Grenzen. Um dem drohenden Hungertod zu entgehen, schwang ich mich gestern in die Familienkutsche und ritt einmal schnell durch den Drive In der Fastfoodkette des Vertrauens. 

Am Ort des Geschehens angekommen, stellte ich fest, dass 19:30 Uhr vielleicht nicht die ganz optimale Uhrzeit ist. Denn die Schlange ragte bis zum Parkplatz. 

Nichtsdestotrotz ging es zügig voran. Ich bestellte also an der knarzenden Station, die vom Klang her auch der Lautsprecher einer New Yorker U-Bahn hätte sein können. Man weiß, die Person am anderen Ende sagt was, aber ob es nun tatsächlich Worte sind oder man gerade Zeuge eines Schlaganfalls oder Aneurismas geworden ist, bleibt bis zum Erreichen der Zielgeraden unklar. 

Ich stand da also so in der Reihe rum, vor mir zwei teuerere Schlitten, einer mit Münchener Kennzeichen, einer mit Regensburger und verfolgte das Gebahren am Ausgabeschalter. 

Ich dachte mir noch, da wird aber viel gestikuliert für ein paar Pommes und ne Cola, aber da das ganze ja für mich ohne Ton verlief, verwarf ich den Gedanken auch gleich wieder und spielte weiter Candy Crush bis ich endlich an der Reihe war. 

Ich öffnete mein Fenster, sagte: „Guten Abend“, das Mädel mit dem Kopfhörer schaute mich einen Hauch zu lang wortlos an. Dann sagte sie „17,85€“, ich reichte ihr das Geld und sagte „bitte“. Sie fragte mich, ob ich einen Getränkehalter benötige, ich antwortete: „ja, danke, das wäre nett“.

Sie kramt in ihrem Kabuff rum und reicht mir das Wechselgeld und die Getränke mitsamt Halter. Ich sagte abermals „Danke“. Sie schaute wieder einen kurzen Moment zu lange, dann reichte sie mir meine zwei Essenstüten raus. 

Ich bedankte mich ein letztes Mal und wünschte ihr noch einen schönen Abend. Sie stiert mich an, seufzt leicht und sagt gänzlich ernüchtert: „Sie sind heute der erste freundliche Mensch seit Schichtbeginn“. 

Ich fragte, wann sie denn angefangen hat. Sie antwortete: „um drei“. 

5 Stunden! Dieses zierliche Mädel steht zum Sonntag in einer lauten, fettigen Systemgastronomie, verdient dabei gerade genug, um ihre Miete zu zahlen und reicht seit 5 Stunden Leuten, die überwiegend zu faul sind, sich selbst zu bekochen Essen in ihre Autos und dann bin ich die erste, die Bitte und Danke sagt? Hallo? 

Wie Ich-bezogen können Menschen sein, dass sie eine Fastfoodmitarbeiterin im Drive In, die sich sicherlich für ihr Wochenende auch was schöneres hätte vorstellen können als nach Fett und Burgern zu riechen, anpflaumen wegen was auch immer? Dazu fällt mir nichts mehr ein und beschämt mich zutiefst.  

Was immer man erlebt hat, wie mies auch immer man drauf ist, dieses kleine zierliche Mädel in ihrem Glaskasten ist nicht dafür verantwortlich! Guten Tag, Bitte und Danke sind keine Luxusgüter, die man sich für schlechte Zeiten aufsparen muss. Das Leben an sich ist schon kein Ponyhof. Das Letzte, was man dazu noch braucht ist ein Umfeld voller Kackbratzen, die sich für etwas Besseres halten und denken, sie bräuchten kein Benehmen an den Tag zu legen. 

In diesem Sinne, falls noch nicht geschehen: 

Make your Kinderstube great again! Your Umfeld will thank you.

Es macht das Zusammenleben soviel einfacher. Ich für meinen Teil würde mir tatsächlich für den ein oder anderen Menschen serienmäßig so eine kleine italienische Mama auf der Schulter wünschen, die bei allen Kinderstuben-Fauxpas unter lauten Mama Mia Ausrufen leichte Denkanstöße auf den Hinterkopf verteilt. 

Ja, ich weiß, Watschen sind als erzieherische Maßnahme keine Option und moralisch verwerflich. Bei Kindern stimme ich da auch völlig zu, aber bei erwachsenen Menschen, die sich schlimmer benehmen als manch dreijähriger in der besten Trotzphase, fände ich so einen kleinen, automatisierten, kurzen, aber effektiven Reset-Schlag auf dem Hinterkopf mitunter durchaus hilfreich… 

Also: einfach öfter mal freundlich sein!

Die Möglichkeit besteht, dass das Mädel im Drive-In, die einzige ist, die das Heimlich-Manöver beherrscht, wenn du an einem Chicken Wing erstickst….

In diesem Sinne, ich wünsche einen schönen Start in die neue Woche gehabt zu haben. 

Bye

Nadine 

10 comments

  1. 1

    Wahre Worte, liebe Nadine und sehr schön, dass auch so etwas mal gesagt wird. Herzlichen Dank für die Erinnerung an das „eigentlich Selbstverständliche“ 😉

    Liebe Grüße und gute Besserung, Anne-Katrin

  2. 2
    Monika H. says:

    Wohl wahr! Wohl wahr!
    Und wie immer hast du den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich freue mich immer wieder, so ehrliche und treffende Aussagen von dir zu lesen. Mach bitte weiter so.
    Ganz liebe Grüße aus dem hohen Norden ins Saarland und vor allem gute Besserung.
    Monika

  3. 3
    Silke Manderfeld-Müller says:

    Liebe Nadine! 1000 Dank für diesen Post!
    „Make your Kinderstube great again!“ Ist der herrlichste Satz seit langem und durchaus wert, als Plakat aufgegangen zu werden.
    Liebe Grüße
    Silke.

  4. 4
    Kerstin says:

    Liebe Nadine,
    Du hast ja mal wieder soooo recht. Und es ist eine Wohltat zu lesen, dass auch anderen es auf den Keks geht, dass so Kleinigkeiten wie Bitte und Danke den Menschen kaum noch über die Lippen gehen. Vielleicht rüttelt Dein Bericht ja den einen oder anderen ein klein wenig wach, wie schön es doch ist, einen anderen Menschen ein kleines Lächeln ins Gesicht zu zaubern, einfach weil man diese zwei kleinen Worte verwendet.

    Lieben Gruß und gute Besserung an den T´schen Haushalt!
    Kerstin W.

  5. 5
    Angelika says:

    Hallo Nadine,
    du sprichst mir aus der Seele. Erlebe es jeden Tag in meinem Beruf als Verkäuferin. Nur wie sollen es die Kleinen lernen, wenn Eltern, Großeltern etc. es nicht vorleben???? Kinder und Jugendliche die freundlich sind, fallen auf und ich bin baff das sie die Zauberwort kennen.
    In diesem Sinne, freuen wir uns an denen die eine tolle Kindestube genossen haben.
    liebe Grüße ☺️☺️☺️ Angelika

  6. 6
    scrapkat says:

    Liebe Nadine,
    ich danke Dir für diese wunderbaren Worte, die Du uns heute mit auf den Weg gibst!
    Es idst manchmal echt traurig wie anstrengend und schwer es sein muß mal ein bißchen Freundlichkeit zu zeigen 🙁 Also ob es weh tun würde, mal kurz zu lächeln, Danke oder Bitte zu sagen…
    Liebe Grüße und gute Besserung,
    scrapkat

  7. 7
    Elisabeth says:

    Liebe Nadine, hoffentlich liest das Mädel Deinen blog. Oder noch besser: einer der vielen Miesepeter. Bestimmt färbt etwas von Deinem Galgen-Humor ab. LG und weiter so!!!

  8. 8

    Liebe Nadine,

    ich finde deinen Beitrag gerade soooo wunderbar. Danke, dass du dir für diese Zeilen die Zeit genommen hast.

    Du hast mir gerade ein Lächeln ins Gesicht gezaubert mit deinem „Make your Kinderstube great again!“

    Liebe Grüße zu dir
    Christine

  9. 9
    Annette says:

    Liebe Nadine!
    Ich schliesse mich den Worten meiner Vorschreiberinnen an … „Make your Kinderstube great again“ wird in Zukunft häufiger über meine Lippen kommen.

    Auch ich arbeite im Verkauf und Freundlichkeit und Höflichkeit gegenüber meinen Kunden sind ein absolutes Muss … nicht nur arbeitgeberseitig verlangt, sondern auch meiner Kinderstube geschuldet. Selbst im größten Stress bleibt immer Zeit für ein freundliches Lächeln (kostet keine Zeit) und ein paar ebenso freundlich gewechselte Worte (geht auch während des Bedienvorgangs und kostet dann auch keine Zeit). In den meisten Fällen sind die Kunden sehr dankbar und reagieren genauso freundlich. Die paar „Kackbratzen“ erträgt man dann auch …
    Will damit sagen, zum Freundlichsein gehören immer zwei. Ohne dem netten Mädel in der Frittenbude zu nahe treten zu wollen: Auch wenn der Job anstrengend, stressig und sch..sse bezahlt ist … vielleicht hilft’s, die Kunden auch ihrerseits mal freundlich anzulächeln und mit einem „Bitteschön und guten Appetit“ das Tütchen zu reichen. Ich glaube, nur die Wenigsten kriegen dann nicht auch ein freundliches „Dankeschön“ über die Lippen.
    Generell bin ich aber total bei Dir: Freundlichkeit und Höflichkeit sind heute leider nicht mehr selbstverständlich und wir tun gut daran, nicht müde zu werden, unseren Kindern genau diese Werte immer und immer wieder mit auf den Weg zu geben. Und wenn sie uns jetzt noch so für diese ständigen Ermahnungen hassen … später (wenn sie mal so alt und weise sind, wie wir jetzt) werden sie es uns danken. Da bin ich mir sicher.
    LG und einen schönen Start in’s Wochenende!
    Annette

  10. 10
    Anne Mußler says:

    Ich kann mich dem ganzen nur anschließen! Habe ich es doch letzte Woche gewagt in der Münchner S- Bahn für eine ältere Dame aufzustehen. Die Arme wusste gar nicht, wie ihr geschieht, da setzt sich doch ein Anzug- Yuppie auf meinen Platz! Ich habe ihm dann höflich zu verstehen gegeben, dass ich nicht für ihn, sondern für die Dame rechts von ihm aufgestanden sei und sie sicherlich einen Moment bräuchte. Er sah mich so entgeistert an, ich hätte fluchen können. Hab ich dann auch gemacht, indem ich zuckersüß, unmissverständlich und tödlich- freundlich gesagt habe: „Ich freue mich immer über Kavaliere!“ Da musste ich auch schon aussteigen. Ob die Dame einen Platz bekommen hat, das weiß ich leider nicht. Hab es fein!

Ich freue mich über eure Kommentare.